Bestand: 12 Objekte12 verfügbarZuletzt ergänzt: 22.8.2026info@rudex.de
FliesenoriginaleOriginale historische Fliesen · Katalog, Verkauf, Archiv
Herstellung · 22. August 2026

Handformung, Presse, Zinnglasur: Wie alte Fliesen entstanden

Die fünf Techniken, die europäische Fliesen bis ins 20. Jahrhundert geprägt haben – und woran sich am Stück selbst ablesen lässt, welche davon im Spiel war. Mit Hinweisen, welche verbreiteten Datierungsregeln nur bedingt tragen.

Historische Fliesenwerkstatt mit Formen und Presse – Symbolbild ©

Eine Fliese verrät ihre Herstellung meist deutlicher als ihr Motiv. Das Motiv wurde oft über Jahrzehnte weiterverwendet, kopiert und nachgeahmt. Der Scherben, die Rückseite, die Kanten und die Art, wie Farbe und Glasur zusammenliegen, lassen sich dagegen schwerer fälschen. Wer eine Fliese in der Hand hält, sollte deshalb zuerst umdrehen und ins Streiflicht halten.

Handformung: Ton in der Form, Draht am Rahmen

Die älteste in Europa breit angewandte Methode für Wandfliesen ist die Formung aus plastischem, also feuchtem Ton. Der Ton wurde in einen Holzrahmen geworfen, festgedrückt und mit einem Draht oder Bügel abgezogen. Der noch weiche Kuchen kam anschließend auf ein Schneidebrett, wo eine Schablone – häufig eine dünne Holz- oder Bleiplatte – auflag. Damit die Schablone beim Beschneiden nicht verrutschte, wurde sie mit Nägeln fixiert. Genau daher stammen die kleinen Löcher in den Ecken vieler niederländischer Fliesen, oft als Nagellöcher oder Spijkergaten bezeichnet.

Woran Handformung erkennbar ist:

  • Ungleiche Maße. Zwei Fliesen aus derselben Serie unterscheiden sich um mehrere Millimeter in Kantenlänge und Dicke.
  • Schräge Kanten. Die Seiten laufen zur Rückseite hin leicht zusammen, weil die Schablone beim Schneiden angeschrägt geführt wurde. Das erleichterte das dichte Verlegen.
  • Unruhige Rückseite. Sandkörner, Fingerabdrücke, Abdrücke der Brettmaserung, Risse aus dem Trocknen.
  • Nagellöcher in den Ecken, meist als kleine Trichter, oft glasurüberzogen.

Bei niederländischen Fliesen lässt sich die Dicke grob als Zeitindikator lesen: Sammler- und Fachliteratur zeichnet einen Trend von etwa 1,5 bis knapp 2 cm bei frühen Stücken um 1600 hin zu rund 1,0 cm und weniger gegen Ende des 17. Jahrhunderts nach; im 18. Jahrhundert wurde weiter abgemagert. Ähnliches gilt für die Scherbenfarbe: früher Ton war durch Eisengehalt rötlich, mit zunehmender Beimischung kalkhaltiger Erde – die die Haftung der Zinnglasur verbessert – wird der Scherben cremefarben bis grauweiß. Beides sind Tendenzen, keine Messvorschriften. Eine dicke Fliese kann spät sein, wenn sie aus einer konservativen Werkstatt stammt.

Zinnglasur: das weiße Fenster

Die Zinnglasur ist eine Bleiglasur, der Zinnoxid zugesetzt wird. Das Zinnoxid macht die Glasur deckend weiß, sodass der rötliche oder gelbliche Scherben verschwindet. Auf diese weiße, noch pulvrig-ungebrannte Glasurschicht wurde bemalt – nicht darauf gezeichnet wie mit Tusche auf Papier, sondern in die saugende Schicht hinein. Die Farbe zieht sofort ein; Korrekturen sind kaum möglich.

Die Vorzeichnung entstand meist mit einer Durchstaubschablone: ein Papier, in dessen Linien feine Löcher gestochen waren, wurde aufgelegt und mit Kohlestaub abgeklopft. Das Punktmuster diente als Führung, ausgemalt wurde frei. Deshalb gleichen sich Umrisse zweier Fliesen desselben Musters bis in Details, während Schraffuren, Farbdichte und Gesichter voneinander abweichen.

Erkennungsmerkmale:

  • Farbe liegt in der Glasur, nicht darauf. Mit dem Fingernagel ist nichts zu ertasten.
  • Leichte Unschärfe an den Rändern der Pinselzüge, besonders bei Blau und Mangan.
  • Nadelstiche und Krater in der Glasur, Abplatzer an den Kanten, an denen der Scherben sichtbar wird.
  • Rückseite unglasiert, häufig mit Spritzern der Glasur und mit Stapelspuren.

Wichtig für die Einordnung: Zinnglasur ist keine niederländische Erfindung und kein Beweis für Herkunft aus Delft. Sie wurde in ganz Europa verwendet – in Antwerpen, in England, in deutschen Fayencemanufakturen, in Frankreich, in Portugal und Spanien. "Delfter Fliese" ist im Handel oft eine Stilbezeichnung, kein Herkunftsnachweis.

Trockenpressen: die Wende zur Serie

Beim Trockenpressen wird nicht mit plastischem Ton gearbeitet, sondern mit fast trockenem, feinkörnigem Tonpulver, das in einer Stahlform unter hohem Druck zum Rohling verdichtet wird. Das spart die lange Trocknung, verringert den Schwund und liefert maßgleiche, planebene Scherben – die Voraussetzung für dünne Fugen und industrielle Mengen.

Üblicherweise wird das Verfahren mit dem Patent von Richard Prosser (England, 1840) und der Umsetzung bei Minton verbunden. Diese Zuschreibung ist in der Forschung umstritten. Es gibt begründete Hinweise, dass vergleichbare Verfahren bereits deutlich früher patentiert und angewendet wurden, unter anderem in Frankreich zu Beginn des 19. Jahrhunderts. Für die Praxis heißt das: Trockenpressen steht für die Zeit ab etwa der Mitte des 19. Jahrhunderts als verbreitete Produktionsweise, nicht für ein Stichjahr. Auf dem Kontinent setzte es sich in den Jahrzehnten danach durch; Villeroy & Boch nutzte es ab den 1840er Jahren an einem seiner Standorte, weitere Werke folgten.

Woran Pressware zu erkennen ist:

  • Rückseitenrelief: erhabene Rippen, Balken, Gitter- oder Leitermuster, häufig mit Firmennamen, Buchstaben oder Nummern.
  • Scharfe, exakt rechtwinklige Kanten und sehr gleichmäßige Dicke.
  • Dichter, feiner Scherben ohne die Lufteinschlüsse handgeformter Stücke.
  • Bei britischer Ware zusätzlich Registriermarken für das eingetragene Design.

Dazu ein ehrlicher Hinweis: Rückseiten sind ein starkes, aber kein eindeutiges Indiz. Viele Betriebe kauften unbedekorierte Rohlinge zu und dekorierten sie selbst. Die Rückseite nennt dann den Hersteller des Scherbens, nicht den des Bildes. Ohne die Vorderseite lässt sich selten etwas Endgültiges sagen.

Transferdruck: Kupferstich auf Keramik

Beim Transferdruck wird eine gravierte Kupferplatte mit keramischer Farbe eingefärbt, der Abzug auf dünnes Papier genommen und dieses auf die Fliese abgerieben. Kommerziell durchgesetzt hat sich das Verfahren in Liverpool: John Sadler und Guy Green erklärten 1756 eidesstattlich, an einem Vormittag über 1200 Fliesen bedruckt zu haben. Frühe Drucke liegen als Aufglasurdruck auf der bereits gebrannten Glasur; im Lauf des 19. Jahrhunderts verschob sich die Praxis zum Unterglasurdruck.

Merkmale:

  • Linien und Punkte statt Pinselzügen. Unter der Lupe zeigen sich Stichlinien und Punktraster, keine Farbverläufe aus einem Pinsel.
  • Absolute Motivgleichheit über viele Exemplare hinweg, bis in jede Schraffur.
  • Ansatzstellen, an denen das Papier nicht sauber anlag: Lücken, Versatz, Doppelkonturen.
  • Aufglasurdruck fühlt sich minimal erhaben an und ist abgerieben, wo die Fliese benutzt wurde. Unterglasurdruck liegt geschützt unter der glänzenden Schicht.
  • Häufig kolorierte Mischformen: gedruckte Umrisse, von Hand mit Farbe gefüllt – dort verrutscht die Farbe gerne über die Linie.

Reliefformen und Laufglasuren um 1900

Die Fliesen des Jugendstils entstehen meist aus zwei Techniken gleichzeitig: gepresster Rohling mit erhabenem oder vertieftem Relief und darüber farbige, oft fließende Glasuren. Vertiefte Konturen halten die Glasur getrennt, an Kanten läuft sie dünner aus und wirkt heller. Art-déco-Ware ist tendenziell flacher, geometrischer, mit matteren oder kristallinen Glasuren. Auch hier gilt: Der Stil datiert grob, die Technik datiert genauer.

Siebdruck: die jüngste der fünf Techniken

Beim Siebdruck wird Farbe durch ein feinmaschiges Gewebe gedrückt, dessen Maschen an den unbedruckten Stellen verschlossen sind. Für Keramik wurde das erst brauchbar, als lichtempfindliche Beschichtungen die Herstellung präziser Schablonen erlaubten; als industrielles Standardverfahren breitete sich der Siebdruck in Europa vor allem in den Jahrzehnten nach dem Zweiten Weltkrieg aus. Siebdruckfliesen erkennt man an flächigen, gleichmäßig deckenden Farbfeldern, sichtbaren Passungenauigkeiten zwischen zwei Farben und – unter der Lupe – an einer leichten Gewebestruktur oder einem regelmäßigen Punktraster. Wer eine Fliese mit rissiger Krakeleeglasur und sauberem Rasterdruck vor sich hat, hat meist eine Nachahmung älterer Vorbilder aus dem mittleren oder späteren 20. Jahrhundert.

Was sich in zehn Minuten selbst prüfen lässt

  • Messen. Kantenlänge an allen vier Seiten und Dicke an allen vier Ecken. Abweichungen über zwei bis drei Millimeter sprechen für Handformung.
  • Umdrehen und streifend beleuchten. Rippen, Gitter, Schriftzüge, Nummern notieren, auch wenn sie nichts sagen – sie sind später vergleichbar.
  • Ecken absuchen. Nagellöcher, Ausbrüche mit sichtbarem Scherben, Farbe des Scherbens.
  • Lupe auf das Motiv. Pinselzug oder Stichlinie oder Punktraster? Das trennt Handmalerei, Transferdruck und Siebdruck zuverlässiger als jedes Stilargument.
  • Fingernagel über die Farbe. Ertastbare Farbe deutet auf Aufglasurdekor, glatte Oberfläche auf Farbe in oder unter der Glasur.
  • Kanten der Rückseite. Mörtelreste, alte Gipsspuren, Schleifspuren vom Abnehmen einer Wand – das sagt etwas über die Verbauung, nicht über das Alter.

Zwei Behauptungen, die nicht tragen

Erstens: Nagellöcher beweisen kein hohes Alter. Sie zeigen die Schablonentechnik. Diese wurde lange verwendet, in Manufakturen teils bis ins 19. Jahrhundert, und sie lässt sich nachahmen. Die verbreitete Regel, dass Nägel nach der Mitte des 19. Jahrhunderts verschwanden, stammt aus Sammlerliteratur und ist als grobe Tendenz brauchbar, nicht als Datierungsbeweis.

Zweitens: Krakelee, also das feine Rissnetz in der Glasur, ist kein Altersnachweis. Es entsteht, wenn Glasur und Scherben unterschiedlich schwinden, und kann bereits im Werk auftreten. Braune Linien darin bedeuten nur, dass Schmutz eingezogen ist.

Zum Wert lässt sich seriös nur sagen: Handbemalte Zinnglasurfliesen des 17. und 18. Jahrhunderts bewegen sich im Handel gewöhnlich in einer anderen Größenordnung als industrielle Serienware des späten 19. und 20. Jahrhunderts. Zustand, Vollständigkeit einer Serie, Seltenheit des Motivs und Nachweisbarkeit der Herkunft verschieben das jedoch so stark, dass jede pauschale Zahl in die Irre führt.

Häufige Fragen

Wie unterscheidet sich eine handgemalte Fliese von einer bedruckten?

Unter der Lupe. Handmalerei zeigt Pinselzüge mit unterschiedlicher Farbdichte, ausfransende Enden und kleine Abweichungen gegenüber baugleichen Stücken. Transferdruck zeigt gravierte Linien und Punktreihen, die sich auf jedem Exemplar exakt wiederholen. Siebdruck zeigt gleichmäßig deckende Flächen und oft ein regelmäßiges Raster.

Was bedeuten die kleinen Löcher in den Ecken?

Sie stammen von den Nägeln, mit denen die Schneideschablone auf dem noch weichen Tonkuchen fixiert wurde. Sie belegen die Handformung mit Schablone, nicht ein bestimmtes Jahrhundert.

Sagen die Rippen auf der Rückseite, wer die Fliese gemacht hat?

Sie sagen, wer den Rohling gepresst hat. Viele Betriebe kauften unbedekorierte Rohlinge zu und dekorierten sie selbst. Rückseitenmuster und Motiv müssen deshalb zusammen betrachtet werden.

Ist jede blau-weiße Fliese eine Delfter Fliese?

Nein. Zinnglasierte Blaumalerei wurde in vielen europäischen Zentren produziert, ebenso in deutschen Fayencemanufakturen und in England. Der Begriff wird im Handel als Stilbezeichnung verwendet und ist kein Herkunftsnachweis.

Wie alt ist eine Fliese mit ganz exakten Maßen und scharfen Kanten?

Sie ist mit hoher Wahrscheinlichkeit trockengepresst und damit frühestens aus der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts, häufig jünger. Das Dekor grenzt die Zeit dann weiter ein.

Darf eine alte Fliese gereinigt werden?

Trocken abbürsten und mit lauwarmem Wasser abwischen ist unproblematisch. Säuren, Scheuermittel und langes Wässern sind es nicht: Sie greifen Glasurrisse, Bemalung auf der Glasur und den porösen Scherben an. Mörtelreste eher mechanisch und vorsichtig abnehmen.


Passende Stücke im Bestand

Kontakt

Fragen zu einem Stück?

Jedes Objekt ist ein Einzelstück. Wir beantworten Fragen zu Zustand, Datierung und Versand – und schicken auf Wunsch weitere Aufnahmen.

  • Ehrliche ZustandsbeschreibungJede Abplatzung, jeder Haarriss ist beschrieben und fotografiert.
  • Zusätzliche AufnahmenRückseite, Kanten, Details – wir fotografieren nach, was Sie sehen möchten.
  • Sicherer VersandHistorische Keramik wird einzeln gepolstert und im Karton verkeilt.
  • Reservierung möglichWir legen ein Stück auf Wunsch unverbindlich zurück.
Andreas Kirchner, Ansprechpartner für historische Fliesen
Andreas Kirchner Ihr Ansprechpartner

Montag bis Freitag von 8:00 bis 18:00 Uhr. Kein Ladengeschäft – Besichtigung nach Absprache.

Nachricht senden

Unverbindlich anfragen – wir melden uns mit allen Angaben zu Zustand, Versand und Abwicklung.

Ihre Angaben werden ausschließlich zur Bearbeitung dieser Anfrage verwendet und nicht weitergegeben.