Alte Fliesen vom Dachboden: die ersten Schritte zur Einordnung
Was mit einem Fliesenfund zuerst zu tun ist, welche Merkmale an Rückseite, Glasur und Kante wirklich datieren – und welche verbreiteten Faustregeln der Prüfung nicht standhalten.
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Ein Karton mit Fliesen unter der Dachschräge, Zeitungspapier dazwischen, Mörtelreste an den Kanten – so beginnt fast jeder Fund. Die erste Frage lautet meist "Was ist das wert?", die nützlichere lautet: Was ist das überhaupt? Wert ergibt sich aus Herkunft, Zeit, Verfahren und Zustand, und die lassen sich mit etwas Geduld am Stück selbst ablesen. Was folgt, ist die Reihenfolge, in der ein Fund sinnvollerweise durchgegangen wird.
Zuerst nichts tun
Der häufigste vermeidbare Schaden entsteht in den ersten zwei Stunden nach dem Fund. Mörtel wird mit dem Schraubendreher abgestemmt, die Fliese kommt in Essigwasser, jemand versucht es mit dem Winkelschleifer. Danach fehlen Kantenpartien, die Glasur ist matt, und Reste von historischem Kalkmörtel – die durchaus etwas über den Einbau aussagen – sind weg.
Sinnvoll sind stattdessen drei Dinge: trocken bürsten mit einer weichen Bürste, fotografieren (Vorderseite, Rückseite, Kante, alles bei Tageslicht ohne Blitz), und die Stücke einzeln in Papier gewickelt stehend lagern. Stehend deshalb, weil gestapelte Fliesen sich gegenseitig die Glasurkanten abstoßen. Feuchte Keller und ungeheizte Dachböden sind für stark saugende, historische Scherben ungünstig: Ziehen Salze durch den Scherben und kristallisieren unter der Glasur, platzt sie in Schuppen ab. Dieser Schaden ist irreversibel.
Die Rückseite sagt mehr als das Motiv
Das Motiv ist der Teil, der gefällt. Die Rückseite ist der Teil, der datiert.
- Glatt, leicht wellig, mit Fingerspuren und offenporigem, hellgelbem bis rötlichem Scherben: Hinweis auf eine handgeformte, aus plastischem Ton geschnittene Fliese. Das trifft auf die zinnglasierten Wandfliesen niederländischer und deutscher Herkunft der frühen Neuzeit zu.
- Scharfkantig, mit erhabenen Stegen, Rauten, Waben oder konzentrischen Rippen, dazu ein eingeprägter Firmenname oder ein Zeichen: Das ist eine trockengepresste Fliese, also industrielle Fertigung. Das Verfahren wurde 1840 vom Birminghamer Ingenieur Richard Prosser patentiert und von Herbert Minton in Stoke-upon-Trent für die Fliesenproduktion nutzbar gemacht; auf dem Kontinent wurde es unter anderem ab 1846 bei Villeroy & Boch in Septfontaines eingesetzt.
- Rückseite mit Schamotterippen, dickem Scherben und einer nach hinten offenen Zarge oder Kasten: Das ist keine Wandfliese, sondern eine Ofenkachel. Sie gehört bauphysikalisch in einen Ofen und wird oft mit Wandware verwechselt.
Ein Rückseitenstempel ist der stärkste Einzelhinweis, den ein Laienfund liefern kann. Er sollte wörtlich abgeschrieben werden, samt Schreibfehlern, Zusätzen wie Ortsnamen, Zahlenkombinationen und Formangaben. Ergänzende Angaben auf Fliesen – etwa Herkunftsbezeichnungen – gehen auf Zoll- und Handelsvorschriften zurück und helfen bei der zeitlichen Eingrenzung, sind aber je nach Exportland unterschiedlich gehandhabt worden.
Glasur und Dekor an der Oberseite
Vier Dekorverfahren decken den größten Teil dessen ab, was auf Dachböden auftaucht:
- Zinnglasur mit Pinselmalerei. Weiß deckende, leicht cremige Glasur, das Blau oder Manganviolett sitzt in der Glasur, nicht darauf. Unter Streiflicht sind Pinselansätze, Korrekturen und ungleichmäßige Farbdichte sichtbar. Kleine Nadelstiche und Kraterchen in der Glasur sind normal.
- Umdruck (Transferdruck). Ein feines, gestochenes Liniennetz, oft mit sichtbaren Ansatzstellen, wo das Papier oder der Leimballen nicht sauber angelegen hat. Das Verfahren wurde ab der Mitte des 18. Jahrhunderts in Liverpool von John Sadler und Guy Green auf Fliesen angewandt, ab 1761 als Firma Sadler & Green.
- Reliefglasur. Das Motiv steckt im Scherben, nicht in der Bemalung; farbige Fließglasuren sammeln sich in den Vertiefungen und laufen an Graten dünn aus. Typisch für die industrielle Ware um die Jahrhundertwende.
- Siebdruck und Schablonendekor. Flächige, gleichmäßige Farbfelder mit hart abgesetzten Rändern.
Ein Vergrößerungsglas hilft: Regelmäßige Rasterpunkte, wie sie ein modernes Vierfarbdruckbild zeigt, gehören nicht auf eine historische Fliese. Wer sie findet, hat mit hoher Wahrscheinlichkeit eine Reproduktion oder eine spätere Neuauflage in der Hand – wobei Neuauflagen kein Makel sind, nur eben etwas anderes.
Format, Dicke, Kante
Maße lohnen die Mühe, weil sie sich schlecht fälschen lassen. Gemessen wird an drei Stellen, weil handgeschnittene Ware nicht rechtwinklig ist:
- Zinnglasierte Wandfliesen niederländischer Prägung liegen üblicherweise im Bereich um 13 cm Kantenlänge, mit Abweichungen von mehreren Millimetern zwischen den Seiten einer einzigen Fliese. Die Dicke nimmt über die Jahrhunderte tendenziell ab – frühe Stücke sind spürbar kräftiger als späte.
- Industriell gepresste Wandfliesen sind maßhaltig. Abweichungen liegen im Bereich von unter einem Millimeter, die Kanten sind gerade, oft mit einer feinen umlaufenden Fase.
- Eine schräg zulaufende, leicht unterschnittene Kante bei handgeschnittener Ware entsteht beim Schneiden mit Schablone und Messer und ist ein gutes Echtheitsindiz.
Bei niederländischen Fliesen finden sich in den Ecken häufig kleine Löcher, die von den Nägeln der hölzernen Schneideschablone stammen. Sie tauchen in der Literatur regelmäßig als Datierungsmerkmal auf; als grobe Orientierung taugen sie, als scharfe Grenze nicht, weil Werkstätten unterschiedlich lange bei alten Werkzeugen blieben.
Die Ecken lesen
Bei blau-weißer niederländischer Ware sind die Eckfüllungen aussagekräftiger als das Hauptbild. Ochsenkopf (ossenkop), Spinnenkopf (spinnenkop) und die stilisierte Lilie sind die häufigsten Typen; sie kommen in Familien vor und wurden über lange Zeiträume verwendet, weshalb sie eine Epoche eingrenzen, aber kein Jahr. Bemerkenswert ist der umgekehrte Fall: Fliesen, die nur Eckmotive und ein leeres Feld zeigen, sind eine späte Erscheinung – in größerer Zahl erst ab dem ausgehenden 19. Jahrhundert. Wer eine solche Fliese als "17. Jahrhundert" angeboten bekommt, sollte nachfragen.
Was man in zwanzig Minuten selbst prüfen kann
- Klangprobe. Die Fliese lose auf drei Fingerspitzen legen und mit dem Fingernagel anschlagen. Ein heller, nachklingender Ton spricht für einen dichten, hochgebrannten Scherben; ein dumpfes, kurzes Geräusch für einen weichen Scherben – oder für einen durchgehenden Riss, der von vorn nicht zu sehen ist.
- Wassertropfen auf die Bruchkante. Zieht er sofort ein, ist der Scherben porös (Steingut, Fayence). Bleibt er stehen, ist er gesintert (Steinzeug). Nur an einer ohnehin beschädigten Stelle, nie auf der Glasur.
- Streiflicht. Eine Taschenlampe flach über die Oberfläche führen. Haarrisse, Retuschen, überlackierte Fehlstellen und nachgemalte Partien werden dabei sichtbar, weil sie das Licht anders brechen.
- UV-Lampe. Moderne Kleber, Füllmassen und Retuschen fluoreszieren meist deutlich anders als die alte Glasur. Das ersetzt kein Gutachten, findet aber die groben Reparaturen.
- Zählen und sortieren. Wie viele Stücke gleichen Dekors, wie viele Randstücke, gibt es Ecklösungen oder Bordüren? Ein zusammenhängender Satz ist etwas anderes als eine Handvoll Einzelfliesen.
Zustand und Größenordnung beim Wert
Preise lassen sich seriös nicht aus der Ferne nennen. Verlässlich ist nur die Rangfolge der Faktoren: erstens Seltenheit von Motiv und Hersteller, zweitens Zustand der Glasur an der Sichtfläche, drittens Vollständigkeit eines Satzes, viertens die Nachweisbarkeit der Herkunft. Gewöhnliche, mehrfach vorhandene Motive in mittlerem Zustand bewegen sich als Einzelstück im niedrigen bis mittleren zweistelligen Bereich; seltene Motive, dokumentierte Herkunft oder vollständige Bildtableaus liegen deutlich darüber. Diese Spanne verschiebt sich mit jedem Kantenschaden und mit jedem Beleg, der sich beibringen lässt.
Kantenabplatzer stören weniger als Glasurschäden in der Bildmitte, weil verlegte Fliesen an den Rändern ohnehin überdeckt sind. Alte, geschlossene Haarrisse werden meist toleriert. Was den Wert dagegen deutlich drückt, sind großflächige Übermalungen, moderne Klarlackschichten und ausgebesserte Fehlstellen, die als Original ausgegeben wurden.
Zwei Irrtümer, die sich hartnäckig halten
Der erste: "Blau-weiß heißt Delft." Zinnglasierte blau-weiße Fliesen wurden über Jahrhunderte in mehreren niederländischen Städten, in England, in Deutschland, Frankreich und Portugal hergestellt. "Delft" ist im allgemeinen Sprachgebrauch längst eine Stilbezeichnung und keine Ortsangabe mehr.
Der zweite: "Handbemalt heißt alt." Handbemalt wird bis heute. Umgekehrt sind viele wertvolle Fliesen des 19. Jahrhunderts gedruckt, gepresst oder geschablont. Das Verfahren allein entscheidet nichts.
Wann Fachleute gefragt sind
Sobald ein Fund mehr als etwa zwei Dutzend Stücke umfasst, ein zusammenhängendes Bildfeld ergibt oder ein lesbarer Herstellerstempel darauf sitzt, lohnt eine Einschätzung durch eine Sammlung, ein keramikhistorisches Museum oder einen Händler mit Bestimmungserfahrung. Mitzubringen sind: scharfe Fotos beider Seiten, die drei Maße, die abgeschriebene Marke und alles, was über den Einbauort bekannt ist – Adresse, Bauzeit des Hauses, Raum. Diese Kontextangaben sind oft mehr wert als die Fliese selbst, weil sie sich später nicht mehr rekonstruieren lassen.
Häufige Fragen
Sollten gefundene Fliesen vor der Bestimmung gereinigt werden?
Nur trocken und mit weicher Bürste. Säuren, Scheuermittel und mechanisches Abstemmen von Mörtel zerstören Kanten und mattieren die Glasur. Alte Mörtelreste sind zudem ein Hinweis auf den Einbau und sollten wenigstens an einem Stück erhalten bleiben.
Woran lässt sich eine handgefertigte von einer industriellen Fliese unterscheiden?
An Maßhaltigkeit und Rückseite. Handgeschnittene Ware ist unregelmäßig, oft mit schräg unterschnittener Kante und glatter, welliger Rückseite. Trockengepresste Industriefliesen sind auf unter einen Millimeter maßhaltig und tragen meist erhabene Rippen, Waben oder Rauten sowie häufig einen Prägestempel.
Bedeutet blau-weiß automatisch Delft?
Nein. Zinnglasierte blau-weiße Fliesen wurden in mehreren niederländischen Städten sowie in England, Deutschland, Frankreich und Portugal hergestellt. Delft ist im heutigen Sprachgebrauch überwiegend eine Stilbezeichnung.
Was sind die kleinen Löcher in den Ecken niederländischer Fliesen?
Abdrücke der Nägel, mit denen die hölzerne Schneideschablone auf dem lederharten Ton fixiert wurde. Sie sprechen für handwerkliche Fertigung, taugen aber nur als grobe zeitliche Orientierung, weil Werkstätten ihre Werkzeuge unterschiedlich lange nutzten.
Wie erkennt man eine spätere Reproduktion?
Mit der Lupe. Regelmäßige Rasterpunkte eines modernen Druckbildes, perfekt gleichmäßige Farbflächen ohne Pinselansätze und ein makellos maßhaltiger, sehr harter Scherben sprechen für eine Neuproduktion. Auch ein moderner Herstellerstempel auf der Rückseite ist ein klares Signal.
Was gehört zu einer Einschätzung mitgebracht?
Scharfe Fotos von Vorder- und Rückseite und Kante bei Tageslicht, die Maße an drei Stellen gemessen, der wörtlich abgeschriebene Stempel und Angaben zum Fundort: Adresse, Bauzeit des Hauses, Raum, Einbausituation.
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